Das Klebeband zwischen Photo und Wand

Wenn die Angst alle Gedanken befällt und nur noch Fetzen von Photos im Kopf sind, sollte ich schlafen.
Aber wie, wenn ich vor Herzrasen nicht einschlafen kann? Wozu, wenn ich am nächsten Morgen nach einem Alptraum aufwache und wieder Angst habe?
Die Angst im tiefen Inneren, im Kern, die im ganzen Körper sitzt und sich bis in den letzten Gedanken frisst.

Was sind das für Tränen,
woher kommen sie?
Warum ist die Traurigkeit,
was will sie von mir?
Die Angst aus der Unberechenbarkeit
vor dem was Morgen und Übermorgen
und in fünf Monaten ist
und sein wird
Die Verzweiflung aus dem Zweifel
nach dem Gestern und dem Vorgestern
und dem was vor Monaten
war.

Die Vergangenheit, die Zukunft, irgendwo dazwischen bin ich, die letzte auf der Party die irgendwo zwischen beidem hängt. Gegenwart gibt es nicht. Es gibt was war und sein wird und was man über die Vergangenheit vermutet und die Ängste vor der Zukunft.
Was wenn das Klebeband zwischen Photo und Wand nicht hält und das Photo sich langsam löst?
Das passiert womöglich langsam und ich merke es nicht.
Erst wenn es zu spät ist, sehe ich wie das Photo fällt. Vielleicht habe ich es abblättern sehen und versucht es wieder anzukleben. Vielleicht hält es auch, ich weiß es nicht.

Ja, das ist eine Metapher. Für was? Das entscheidest du.

Du musst entscheiden, du musst sein, du musst fühlen und Dinge wissen.
Du musst vorankommen, du darfst nicht die letzte auf der Party sein. Du musst zu einer guten Zeit gehen und das am besten nicht allein. Du musst lachen auf der Party, es ist egal ob du dann später Zuhause weinst. Aber wenn du schon auf der Party weinst, dann vertreibst du deine Freunde. Schäm dich wenn du auf der Party weinst.

Erst war es zu laut, dann kam es dir so vor wie als seien alle viel zu nah dran. An dir, einander und sich selbst.
Dann wurden dir die Stimmen zu viel. Und das da Betrunkene sind, denn die machen dir Angst, selbst wenn es es gute Freunde sind.
Das hat mit dem was war zu tun.
Plötzlich bricht alles über und unter dir zusammen. Du denkst an deine alte Freundin und wie ihr als Kinder im Plötzensee schwimmen wart. Im Wasser gab es grüne Gewächse, die an deinen Beinen gekizelt haben. Es war nicht zum lachen, die Party ist es auch nicht.

Nur du siehst deine alte Freundin im fahlen Licht in der Mitte des Wohnzimmers stehen.
Deshalb weinst du.

Ich hangel mich von der Vergangenheit in die Zukunft, Gegenwart gibt es nicht.
Ich denke an das Photo und hoffe es blättert nicht.

Farbenlose Wolle

In den Spiegel schauen
mir nicht trauen

«Ich»

ist verrutscht
verknotet wie bunte Wolle

Farben verlassen ihre Orte
wenn «Ich» verrutscht ist
sie sind neben den Dingen
verknotet wie farbenlose Wolle

in die Leere starren
mir nicht trauen

wackliger Boden
Sümpfe, Nebel, Regen

ich habe Angst

dass es das Ende der Welt ist

Vergessen in der Gischt

Die Leiter über dem Meer
zwischen dem Land
und dem Ort aus Sand
führt in den Himmel
über die Wolken hinaus
in einen Traum hinein
es ist wahr
er existiert nicht

das kleine Mädchen
auf der Wiese
im Morgentau
in der Kälte
eines neuen Tages
und dieses einzigen Lebens

etwas ist geschehen
als die Strahlen der Morgensonne
durch das Wohnzimmerfenster fielen
und ihre nackten Füße
über den kratzigen Teppich liefen
die Steintreppe hinunter
in die Wiese hinein
auf das Feld hinaus

Februarnacht

Es war, es ist wahr
ist kalt
Februarnacht
die bunten Lichter beben
sie bebten
alle sind
waren unglücklich glücklich
in dem unsichtbaren Haus
und driften
drifteten wie du und ich langsam
Glas für Glas

in den Wahnsinn

wir stehen
standen im Auge des Sturms
in der Mitte
des Raumes
die Erde erzittert
erzitterte als du zu mir sprichst, sprachst
spreiz die Beine
sehe, sah sie dir in die Augen
habe, hätte gesehen
sehen können
was noch kommt
kam sie die weiße Treppe
mit dem roten Teppich hinunter
und was ist, war
was ist wahr

was kann man heute schon wissen
wen kann man gestern noch kennen

wenn alle Wahnsinnig sind

Können Fische weinen?

Regentropfen, ein Komet im Fallen. Mein Licht flackert und alles stürzt in mich. Es fällt auf meinen Körper, schlägt meinen Kopf ein, klemmt meine Gedanken ein, ein Zaun, eine Mauer, ein Riss in der selben, das Licht bricht.
Meine Gedanken sollen fliegen.

Vergangenheit, vergehe bitte.

Was bin ich heute? Überflutet von Wellen, angespült an einen Strand den ich nicht kenne. Waren andere vor mir hier?
Niemand kann mich finden, es ist ein Ort für mich, ohne dich. Jenseits der Klippen. Dein Schatten wandert über mir wie eine Wolke.

Das Ende ist nah.

Sie sitzt an ihrem Schreibtisch. Sie kann nicht lesen, sie kann nicht schreiben, sie ist eingefangen, ein zappelnder Fisch in einem Netz. Eine Möwe pickt ihr die Kiemen raus, die Fischerin schneidet ihr das Herz heraus. Die Seele ist noch im Netz. Das Meer umringt das Boot, kein Land in Sicht.
Ein Sturm zieht auf.
Sie sitzt an ihrem Schreibtisch. Es ist August, doch sie wandert im Schnee des vorherigen Jahres. Ohne Herz, die Seele gefangen.

Einsam.

Die Möwe und die Fischerin verbrannten als der Komet auf die Erde schlug.
Es gibt kein Meer mehr, doch es regnet noch.
Regentropfen, ein Komet im Stillstand.

Erloschen, entbrannt

Ein verstummter Mund
eine genommene Stimme
ein traumarisiertes Kind

mein Mund, meine Stimme, mein Kind

ich suche immer noch nach ihr
hier und dort
in meinen Träumen und in Manifesten
ich hasse dich, wenn ich es will
ich hasse dieses Land, wenn ich es will, dieses Land
dem ich nicht vergeben will
dieses Land, über das heute noch die Asche regnet
ihr wollt sie nicht mehr sehen
ihr konntet sie nie fühlen
doch ihr werdet sie einatmen

und daran ersticken

unsere Geschichte ist ein Puppenspiel für euch
meine Geschichte ist Vergangenheit für dich
doch das Feuer in dem wir brannten war wahrhaftig

und deine Hände sind in meine Haut gebrannt

als du mich zerstörtest, zerstörtest du eine ganze Welt
ein Mensch, eine Welt
Millionen Welten über die Zeit zerstört
ich suche verzweifelt nach meiner Stimme
die mir deine Taten einst nahmen
und alle, wie auch du, die mich mit ihren Worten schlugen
sollen verbluten in der Todesfuge
ich krieche auf den feuchten Waldböden
und in Einöden von Plattenbauten
suche, suche nach meinem Schrei
der gestohlene Schrei des vernichteten Kindes

die Wiedereroberung meines verstummten Mundes

Das aufgeräumte Zimmer

Es ist zwei Uhr Nachts, draußen höre ich eine Taube gurren. Was bringt mir noch das schreiben? Was bringt mir noch das schreien? Ich tippe die Worte, ich reime, ich kette Verse an einander wie mich an die Ordnung, Absatz, tipp tipp tipp, Stop. Ich kann nicht schreiben. Seit Wochen, seit einem Monat. Mein letztes Gedicht mochte ich nicht. Dabei ist das schreiben doch das eine, das was mich leben lässt. Ich habe auch geschrieben im letzten Monat. Nur nicht in der Form, die mich sonst so befreit. Ich denke, ich und die Form, wir brauchen eine Pause. Mittlerweile fühle ich mich durch sie beschränkt, ich brauche ganze Sätze. Ich habe auf Papier geschrieben, ganz anders als sonst, unsortiert in Gedanken, Fragmenten. Wohin damit, wenn nicht nach draußen? Lass die Tauben und Krähen frei.

Ich brauche schreiben, ich kann nicht ohne. Ich kann durch meine Worte schreien. Zumindest dachte ich das immer. Letzte Woche habe ich gemerkt das ich mal wirklich schreien sollte. Seit dem bin ich lauter, fluche laut in der Öffentlichkeit. Aber vor dem S Bahnhof laut Fuck sagen ist eben nicht das gleiche wie zu “This Is Where It Ends” von Alice Boman heulend auf dem Boden zu sitzen und in die Leere des perfekt aufgeräumten Zimmers zu schauen. Dann denke ich immer: hier in der Wohnung bin ich allein, aber um mich sind überall Wohnungen mit Menschen darin wie in einem Puppenhaus, in Räumen die mal so eingerichtet sind, dass man sieht das die Menschen krank sind und mal nicht. Bei mir sieht man es nicht. Ich will gut aussehen, hübsch, gepflegt. Ich werde lächeln, ich will lachen für dich. Für alle. Weinend will mich doch niemand sehen.

Die Worte die ich schreibe können mich nicht befreien. Die Schreie die ich aus meiner Kehle krächze wie Raben wenn sie im Sterben liegen, können mich nicht befreien. Nichts und niemand kann mich befreien. Ich bin Gefangene in meinem aufgeräumtem Zimmer indem die Bücher aus dem Regal fallen, die Blumen in der Vase verwelken und mittendrin ich, mit meiner einen Freundin die ich Liebe. Wir schreien zusammen im Schmerz.

Ich weiß nicht wohin. Ich weiß nicht wohin mit all der Wut und all dem Schmerz, der Trauer und dem Trauma. Ich will rennen und tauchen und fliegen und mich wie eine Tablette auflösen. Ein Tsunami in meinem Kopf. Alles ist schwer und schwerelos, alles ist alles gegegensätzliche zur selben Zeit, nichts hängt zusammen, alles ist verknotet, meine Pullover haben Löcher, meine Ohren auch, meine Ohrringe sind kaputt gegangen in der Umkleide. Ich war erstarrt. Nichts ergibt Sinn, alles hat eine Bedeutung. Es gibt keine Abfolge in einer Reihenfolge die logisch ist, alles ist mathematisch, ich habe Angst vor Mathematik. Es gibt keine Ordnung in meinem aufgeräumten Zimmer.

Libertatem

Ich bin

und wir sind

frei

in diesem Wald
unter den Bäumen
wo
die Zeit
nicht ist

wir schweben
über unseren Körpern
außerhalb unserer Köpfe
und sehen hinab
auf das Leid
was uns umher treibt

rastlos
durch die Nacht
rasen lässt

und fallen
auf die grünen Wiesen
im Sommer
wenn die Helligkeit
kommt
und es keinen Schmerz
mehr gibt

Risse

Über mir
stehen die Sterne
und ich stehe hier

allein

ich und
meine Lichterkette
die Batterien fast alle

die Nacht ist klar

fast sehe ich dein Gesicht
in der Wohnung gegenüber

und die hellen Fenster
schauen in mich
ich weiß nicht was
sie wollen

ich will vergessen
nicht mehr missen
und überall
finde ich Stücke
von Taten und von Worten
die uns auseinander
rissen

Die Wärme in deinem Blick

Ich bin
ein offenes Buch
du kannst mich lesen
doch ich verstehe
es selber nicht

da ist
Wärme
in deinem Blick

meine Hand zittert

ich will das nicht
fühlen
der Herzschlag
rennt vor dir
oder einem Teil von mir
diesem großen
kleinen
Funken
von nichts
oder allem

und der Einsamkeit

meine Stimme bricht

die Wärme
in deinem Blick