Georg

Heute ist ein grauer
wolkiger Tag
es regnet
ich sitze im Park
und möchte
Spatzen mit Spätzle
füttern

Zeitreise

Da stehe ich also. In dem wadenlangen, weiß-blau gestreiften Kleid mit dem weißen Kragen und den zierlichen Knöpfen. Um meine Taille gebunden, der dazugehörige Gürtel. Ohne ihn würde das Kleid an mir aussehen wie ein Nachthemd. Es gehört meiner Großmutter, sie trägt es seit Jahren nicht mehr.

Das Gefühl dieses Kleid zu tragen, vor dem Spiegel zu stehen und mich darin zu sehen hat mich zu Tränen gerührt. Ich sah mich. Zum ersten mal nach sehr langer Zeit hatte ich wirklich das Gefühl mich zu sehen. Um es genauer auszudrücken, heute sah ich mich wieder. Ich sah das kleine Mädchen mit dem weißen Rüschenrock, der Blümchenbluse, den weißen Strumpfhosen und den roten Lackschuhen. Dieses Mädchen, das mit acht Jahren die unglaublichsten, schönsten Gedichte erfindet und Tag ein Tag aus Königin spielt, die auf der Suche nach ihrem König ist. Sie liebt das Meer, den Sand, die Möwen, den Wind und die im Frühjahr gelb blühenden Rapsfelder.

Über die Jahre, von Geburtstag zu Geburtstag hat sich dieses Mädchen weiter und weiter in ihr Innerstes zurückgezogen. Das Leben, die Welt kam dazwischen. Ihre Sicht auf das, was sie umgab veränderte sich. Um sie herum schien es irgendwann nur noch Chaos zu geben, und in ihr eine immer größer werdende Unruhe.

Sie veränderte sich, und verlor einen Teil ihrer selbst.

Jetzt, Jahre später sieht sie als junge Frau nicht nur äußerlich das kleine Mädchen im Spiegel, Nein, sie hat die verlorene Seite wiedergefunden. Die freie, poetische Seite, die träumt, träumt nicht von politischen Utopien; einer Welt ohne Grenzen, sondern von Märchen zwischen Menschen, Liebe, dem unendlichen Meer … im Kern: sie will Schönheit erschaffen.

Ich will Schönheit erschaffen, zwischen- und mit Menschen. Ich will meine Worte benutzen, um die wunderbarsten Bilder zu malen, denn die Kunst, die Poesie, die ich schreibe, soll dir die Möglichkeit geben die Welt, nur für einen kurzen Moment, wie ich zu sehen.

Währenddessen finde ich das Kind in mir wieder, entdecke eine alte Seite meiner selbst von neuem und lerne dabei, wie wichtig es ist einander zuzuhören. Einem selbst und dann seinem Nachbarn, dem Menschen, wer auch immer das sein mag, der dir gerade gegenübersteht.

Das ist der erste Schritt zur Weltrettung.

Ungebunden

Eine Möwe
unterm Mond
überm Meer

breitet ihre Flügel aus
und fliegt

in die Freiheit
sie hat mich mitgenommen

Für die Zukunft

Dies
ist kein Gedicht
über menschliches Versagen
Enttäuschung
Tränen
Trauer

dies
ist ein Gedicht
über die Schönheit
unserer Gedanken und Ideen
Liebe
Lachen
Lernen

kurzum
alles was
uns
Hoffnung schenkt

Das Wort

Triggerwarnung: sexualisierte Gewalt

Natürlich sollte ich
darüber reden
mich auseinandersetzen
mit mir
und dir

und was da passiert ist
zwischen uns

was du gemacht hast
mit mir

wie ich Monate später
dich konfrontierte
mit dir
mit dem
was du gemacht hast
mit mir

ich erinner mich noch
an den Abend
die Nacht

in der du
dich
auf mich stürztest

es waren nur wenige
Sekunden
wenige Sekunden
in denen du
all meine Grenzen
missachtetest
die Mauern meiner Festung
meines Körpers
meiner Seele
durchbrachst

ich weiß nicht mehr
wo
meine Hände waren
ich weiß nur
du hast sie
festgehalten

ich weiß nicht mehr
was
ich gedacht habe
ich weiß nur
du warst in mir
sonst kein Gedanke

nirgendwo

ich weiß nicht mehr
wie
viel Zeit verstrich
ich weiß nur
ich war froh als es
vorbei war

danach
habe ich alles
vergessen

doch du
hast Spuren hinterlassen
Erinnerungen
die nicht verblassen
Gefühle
die mich nicht verlassen
Wunden
die immer wieder aufklaffen

Natürlich sollte ich
mich auseinandersetzen
darüber reden
über das
was da passiert ist
ja
das was da passiert ist
das Wort
was wir besser nicht sagen
nein

nicht das du mich falsch
verstehst
das Wort
welches wir besser nicht sagen
lautet nicht
nein

oh nein
das Wort
welches wir besser nicht
sagen
das
meine Damen und Herren
lautet

Übergriff

wir sollen es nicht
laut sagen
hier im Scheinwerferlicht
besser flüstern
dort im Schatten
oder gar nicht erst
aussprechen

denn
du hast es nicht gewollt
niemand
hat es je gewollt
es war ein Fehler
Verzeihung
ein Kommunikationsfehler

und die
die machen wir doch ständig
Kommunikationsfehler
ist doch nichts dabei
kann doch mal passieren

wenn
du
damals
hinuntergeschaut hättest
auf mein Gesicht
meine Augen
in dem Moment
dann hättest du Angst
gesehen

wenn
du
heute
in mein Gesicht schauen
meine Augen erblicken
würdest
dann wäre dir klar
ein für alle mal
es war nicht nur
ein
Kommunikationsfehler
es war
ein

Übergriff

Der Fluch

Wen siehst du
wenn du
in den Spiegel
schaust?

Woran denkst du
wenn du
mir
alljährlich
eine Karte
zum Geburtstag
schickst?

Siehst du dich
denkst du
an mich?

An unser Telefonat
nun fast
zweieinhalb
Jahre her

Erinnerst du dich
was
du gesagt hast

Ich erinner mich
nun fast
täglich

manchmal
stündlich
gar minütig

deine Worte
eingebrannt
in meinen Kopf
mein Hirn

und wenn ich es mal
vergessen
sollte

dann reicht
jede
verdammte
soziale Interaktion
jedes Gespräch
und erst recht
jede versuchte Beziehung
aus
um mich
zu erinnern

deine Worte
eingebrannt
in meinen Kopf
mein Hirn

ich höre es
Tag für Tag
aufs neue

gerade letzte Nacht
habe ich wieder
von dir geträumt

wie soll ich auch nicht
denn es ist dein Geburtstag
heute

und als ich
schweißgebadet
mit rasendem Herzschlag
der Panik nahe
and dich
dich
und meinen Traum dachte

da hörte ich sie
wieder
deine Worte
eingebrannt
in mein Hirn

Wenn
du
dich nicht
nach anderen richtest
dann
wirst du
allein sein

wiederholt
hast du die Worte
noch

meinen Schrei
mein weinen
hast du nicht gehört
hast du nie gehört

Monate
gar jahrelange
Aggression
steckt in diesem Text

und das alles
was in mir
angerichtet wurde
nur durch ein paar
hirnlose
Worte

Sommer im Februar

(Das Ende dieses Texte wurde einige Monate nach der Veröffentlichung verändert, so wie sich auch die dahinterstehende Geschichte wandelte.)

Es war ein kalter
dunkler
Wintertag
der Tag
dieser eine
der alles verändern würde

ich saß
ernst
die Beine
übereinandergeschlagen
wartend
in einem roten Sessel
neben mir
ein Tisch
eine regelrechte Trennung
zu einem
zweiten
roten Sessel

du
voller Selbstbewusstsein
nahmst
neben mir platz

du sagst
hallo
stellst dich vor

ich
überrascht
doch
dir angetan

die folgende Stunde
verging
wie im Flug

wir öffneten
einander
unsere
Seelen
unsere
Herzen
zogen sich an
wie Magneten

am Abend
trafen wir uns
erneut
nicht
auf roten Sesseln
sondern Sofas
in einem einfachen
Lokal

wir
schmiedeten schon
Hochzeitspläne
sahen eine Zukunft
nur für uns

und spätestens
seit
ein Stückchen Gurke
aus meiner Sushirolle
die ich aß
auf meine Hand
hinunter fiel
und du es
mit deinen Stäbchen
aufnahmst
und aßt
wusste ich
dich
lasse ich niemals los

zu Anfang
erschien alles
leicht
schwerelos
nur wir
unsere Welten
kollidierten

ein
neues Universum
entstand

zu gern
zu gut
erinner ich mich
an diesen warmen
Sommertag
im Februar

du
ich
duftende Blumen
das letzte Licht
der Sonne
erhellt
unsere Welt

bald
ganz bald
sollte
unser Universum
implodieren

dann
gab es nur noch
Schmerz
Tränen
Kälte
meine
deine
Welt
wieder leer

jetzt
nach all der
Zeit
weiß ich
an dem kalten
Wintertag
hat
das Stückchen Gurke
unser Schicksal
besiegelt