Das aufgeräumte Zimmer

Es ist zwei Uhr Nachts, draußen höre ich eine Taube gurren. Was bringt mir noch das schreiben? Was bringt mir noch das schreien? Ich tippe die Worte, ich reime, ich kette Verse an einander wie mich an die Ordnung, Absatz, tipp tipp tipp, Stop. Ich kann nicht schreiben. Seit Wochen, seit einem Monat. Mein letztes Gedicht mochte ich nicht. Dabei ist das schreiben doch das eine, das was mich leben lässt. Ich habe auch geschrieben im letzten Monat. Nur nicht in der Form, die mich sonst so befreit. Ich denke, ich und die Form, wir brauchen eine Pause. Mittlerweile fühle ich mich durch sie beschränkt, ich brauche ganze Sätze. Ich habe auf Papier geschrieben, ganz anders als sonst, unsortiert in Gedanken, Fragmenten. Wohin damit, wenn nicht nach draußen? Lass die Tauben und Krähen frei.

Ich brauche schreiben, ich kann nicht ohne. Ich kann durch meine Worte schreien. Zumindest dachte ich das immer. Letzte Woche habe ich gemerkt das ich mal wirklich schreien sollte. Seit dem bin ich lauter, fluche laut in der Öffentlichkeit. Aber vor dem S Bahnhof laut Fuck sagen ist eben nicht das gleiche wie zu “This Is Where It Ends” von Alice Boman heulend auf dem Boden zu sitzen und in die Leere des perfekt aufgeräumten Zimmers zu schauen. Dann denke ich immer: hier in der Wohnung bin ich allein, aber um mich sind überall Wohnungen mit Menschen darin wie in einem Puppenhaus, in Räumen die mal so eingerichtet sind, dass man sieht das die Menschen krank sind und mal nicht. Bei mir sieht man es nicht. Ich will gut aussehen, hübsch, gepflegt. Ich werde lächeln, ich will lachen für dich. Für alle. Weinend will mich doch niemand sehen.

Die Worte die ich schreibe können mich nicht befreien. Die Schreie die ich aus meiner Kehle krächze wie Raben wenn sie im Sterben liegen, können mich nicht befreien. Nichts und niemand kann mich befreien. Ich bin Gefangene in meinem aufgeräumtem Zimmer indem die Bücher aus dem Regal fallen, die Blumen in der Vase verwelken und mittendrin ich, mit meiner einen Freundin die ich Liebe. Wir schreien zusammen im Schmerz.

Ich weiß nicht wohin. Ich weiß nicht wohin mit all der Wut und all dem Schmerz, der Trauer und dem Trauma. Ich will rennen und tauchen und fliegen und mich wie eine Tablette auflösen. Ein Tsunami in meinem Kopf. Alles ist schwer und schwerelos, alles ist alles gegegensätzliche zur selben Zeit, nichts hängt zusammen, alles ist verknotet, meine Pullover haben Löcher, meine Ohren auch, meine Ohrringe sind kaputt gegangen in der Umkleide. Ich war erstarrt. Nichts ergibt Sinn, alles hat eine Bedeutung. Es gibt keine Abfolge in einer Reihenfolge die logisch ist, alles ist mathematisch, ich habe Angst vor Mathematik. Es gibt keine Ordnung in meinem aufgeräumten Zimmer.