Zeitreise

Da stehe ich also. In dem wadenlangen, weiß-blau gestreiften Kleid mit dem weißen Kragen und den zierlichen Knöpfen. Um meine Taille gebunden, der dazugehörige Gürtel. Ohne ihn würde das Kleid an mir aussehen wie ein Nachthemd. Es gehört meiner Großmutter, sie trägt es seit Jahren nicht mehr.

Das Gefühl dieses Kleid zu tragen, vor dem Spiegel zu stehen und mich darin zu sehen hat mich zu Tränen gerührt. Ich sah mich. Zum ersten mal nach sehr langer Zeit hatte ich wirklich das Gefühl mich zu sehen. Um es genauer auszudrücken, heute sah ich mich wieder. Ich sah das kleine Mädchen mit dem weißen Rüschenrock, der Blümchenbluse, den weißen Strumpfhosen und den roten Lackschuhen. Dieses Mädchen, das mit acht Jahren die unglaublichsten, schönsten Gedichte erfindet und Tag ein Tag aus Königin spielt, die auf der Suche nach ihrem König ist. Sie liebt das Meer, den Sand, die Möwen, den Wind und die im Frühjahr gelb blühenden Rapsfelder.

Über die Jahre, von Geburtstag zu Geburtstag hat sich dieses Mädchen weiter und weiter in ihr Innerstes zurückgezogen. Das Leben, die Welt kam dazwischen. Ihre Sicht auf das, was sie umgab veränderte sich. Um sie herum schien es irgendwann nur noch Chaos zu geben, und in ihr eine immer größer werdende Unruhe.

Sie veränderte sich, und verlor einen Teil ihrer selbst.

Jetzt, Jahre später sieht sie als junge Frau nicht nur äußerlich das kleine Mädchen im Spiegel, Nein, sie hat die verlorene Seite wiedergefunden. Die freie, poetische Seite, die träumt, träumt nicht von politischen Utopien; einer Welt ohne Grenzen, sondern von Märchen zwischen Menschen, Liebe, dem unendlichen Meer … im Kern: sie will Schönheit erschaffen.

Ich will Schönheit erschaffen, zwischen- und mit Menschen. Ich will meine Worte benutzen, um die wunderbarsten Bilder zu malen, denn die Kunst, die Poesie, die ich schreibe, soll dir die Möglichkeit geben die Welt, nur für einen kurzen Moment, wie ich zu sehen.

Währenddessen finde ich das Kind in mir wieder, entdecke eine alte Seite meiner selbst von neuem und lerne dabei, wie wichtig es ist einander zuzuhören. Einem selbst und dann seinem Nachbarn, dem Menschen, wer auch immer das sein mag, der dir gerade gegenübersteht.

Das ist der erste Schritt zur Weltrettung.