See, Meer, Ozean

Es gibt einen Ort auf dieser Welt der für mich immer ein Zuhause ist, und sein wird: Die See, das Meer, der Ozean, wie auch immer mensch es nennen mag.

Ich habe viele Tage meiner Kindheit an der Ostsee verbracht. Mehr als ich je zählen könnte. Es waren die vollkommensten meiner Kindheit, vielleicht auch die unbeschwertesten meines Lebens. Meine Erinnerung mag schöner sein als die dort erlebten Tage es wirklich waren, jedoch ist mir das heute nicht von Wichtigkeit. Diese vielen Tage die ich dort am Strand verbracht habe, waren prägend.

Wir fuhren zweimal im Jahr, einmal im Frühjahr und einmal im Herbst. Beide dieser Jahreszeiten tragen unberechenbares Wetter mit sich und so spielte ich bei Wind, Sonne, Regen und Sturm, manchmal bei zehn Grad, und manchmal bei zwanzig im Sand. Im Herbst lagen stets große Mengen toter Quallen am Strand, ein Bild was mir gut in Erinnerung geblieben ist.

Die Erinnerungen an die Zeiten an der Ostsee sind die klarsten an meine gesamte Kindheit. Immer wenn ich über die hellblaue Rügenbrücke am Hafen vorbeifur, hatte ich das Gefühl erfolgreich geflohen zu sein. Dieses Gefühl von Freiheit; gerade aus seinem Gefängnis namens Alltag ausgebrochen zu sein, ist für mich sehr eng mit der See verbunden und mit meiner Seele. Früher war mein wundester Punkt, das was mich immer zum weinen gebracht hat, das Geräusch einer Möwe über Berlin zu hören, weil es mich an diesen Traumartigen Ort, und das Tier, welches in meinen Augen für pure Freiheit steht, erinnert.

Als ich heute mit dem Zug an dieser unendlichen Wasserlandschaft vorbeifur regte sich in mir wieder dieses unbeschreibliche Gefühl, es war wie als käme ich nach Hause. Ich dachte, wenn es einen Ort auf dieser Welt gibt, an dem ich am allermeisten ich bin und mich so frei fühle wie ich nur kann, dann ist es die See. Meine Seele scheint zu tanzen, an diesem Ort. Ich bin so losgelöst und so frei, doch gleichzeitig viel verwundbarer. Es ist, als würde das Meer meine Seele öffnen, mein Herz.

Mich hat dieses Gefühl in meiner Kindheit immer sehr überwältigt, ich weiß, ich hatte es damals schon. Als ich für lange Zeit nicht mehr an die See gereist war und dann wiederkam, hat es mich fertiggemacht. Dann vermied ich es, das Meer war in diesen Zeiten mehr ein Symbol der tiefen Traurigkeit und Sehensucht, die in mir steckt, als der grenzenlosen Schönheit meiner Kindertage, die ich dort verbrachte.

Als ich heute Abend die langsam in unendlichem Blau versinkende Sonne beobachtete, wurde mir klar wie tief und unbeschreiblich meine Gefühle zu diesem unendlichen Blau sind. Ich denke nicht einmal, das ich sie mit Worten ausdrücken könnte. Dieser Text soll jedoch zumindest ein Versuch sein, es zu tun.