Namenlos

Er geht
und steht
dann
einfach da
für eine
unbestimmte
Zeit

er weiß sie
selber
nicht mehr
hat vergessen
Uhren zu lesen
Zeit zu messen
die Tage als
Tage zu erleben
alles ist nur noch
Zeit
die verstreicht
die Sonne geht
unter
und wieder
auf
er schließt die Augen
und öffnet sie
wieder
wer weiß
für wie lange
schon
er selbst zumindest
nicht

er steht da
irgendwo
an
irgendeinem
Meer
an einem
von der Erschafferin
dieses Gedichtes
als
Namenlos
getauften
Ort
seine Haare
wehen
im Wind

er sieht
auf das Meer
und fragt sich

wann

er sie
wiedersehen
wird

Pflaumen

Blasse Hände
blaue Nägel
kaltes Wasser

Pflaumen
in meinen
Händen

sie sehen aus
wie
dunkle
Gewitterwolken

die
Wolken
die in mir
aufziehen
bevor es
beginnt
zu blitzen
und zu donnern
in meinem Kopf

ein Sturm
zieht auf
und zieht
mein innerstes
aus mir
raus

dann
habe ich Angst
vor mir selbst

die Pflaumen
sind gewaschen
das Messer ist
geschliffen

ich sollte
aufhören
zu dichten
und zu träumen
so früh
am Morgen

sonst schneide
ich mir noch
in den
Finger

Zwei Uhr Siebenundzwanzig

Es ist 02:27 Uhr
der Mond
erhellt
nun endlich
seine Kammer
eine Brise
weht herein

er kann
nicht schlafen

ihn stört
etwas

im dunklen
hat es sich
eingenistet
durch des Mondes
Licht
sieht er es
in dem Spiegel
mit dem Sprung
an der
kalten Wand

er hat einen Falter
im Bart

Tee aus Gläsern

Ich trinke
Tee
aus Gläsern
und kann mich
schwer
Entscheiden
zwischen dieser
und der anderen
Möglichkeit

Kamille
oder
Pfefferminze
ruhig bleiben
oder
Panikattacke kriegen

siehst du
den Unterschied

ich schwimme
in
einem Meer
aus Tee
das Teemeer

ich schwimme
und fühle
nichtsmeer

wünschte
ich könnte
mich einfach
entscheiden

zwischen
Kamille
oder
Pfefferminze
ruhig bleiben
oder
Panikattacke kriegen

als ich noch
ein Kind
war

habe ich
die Puppen
im Regal
zurechtgerückt
bis sie
mir
perfekt
erschienen

die Türklinke
so oft
gegriffen und
wieder losgelassen
bis es
mir
richtig
erschien

mit zwölf
habe ich
mir die Arme
aufgeschnitten

die Narben
sehe ich
heute noch

doch schon
mit elf
mir ab und zu
eine gescheuert

und mit zehn
und neun
und acht
und wahrscheinlich
schon viel
früher

habe ich
mir
die Nagelhaut
abgerissen
die Lippen
aufgebissen
Wunden
an und
auf
gekratzt

heute
ist mein Arm
wieder blutig

die depressiven
Phasen
gehen und
kommen
wieder
und immer
wieder

wie
die Panikattacken
die Schlaflosigkeit
die Magenschmerzen
die Suizidgedanken

die Angst
vor gestern
und vor morgen
und mir selbst
und vor dir
und mir selbst
und vor so vielem
und mir selbst

die Angst
davor
dass
das Glas
in meiner Hand
zerbricht

und etwas
in mir
entscheidet
Kamille
oder
Pfefferminze
ruhig bleiben
oder
Panikattacke kriegen

was entscheidet
das für mich

wie heißt sie
die in mir wohnt
mich schon
so lange kennt
woher sie kommt
ob sie jemals
wieder
gehen wird

und bisher
noch immer
keinen Namen
trägt

An dich

Wieder
haben
wir uns
gefunden

wieder
haben wir uns
wiedergefunden

du bist
hier
und ich
bin hier

wir sind getrennt
durch
Wände

wir sehen
uns
und unsere Worte
was wir fühlen
und denken

durch
unsere
flimmernden
Bildschirme

fühlen einander
berühren uns
in dem wir
Buchstaben
aneinanderreihen
Worte
zum Leben
erwecken

es wird alles
gut
werden
wir werden
uns
immer
wieder
wiederfinden

atme
ein

atme
aus

lies
dieses Gedicht
wenn du
nicht mehr
weiter
weißt

Die Dame

In der Arztpraxis
sitzt
mir
eine Dame
gegenüber

vollständig
in
weiß
grau
beige
Tönen
gekleidet

graue Haare
dunkle Farbe
um ihre Augen
blasse Haut
sie wirkt nervös

trägt einen
goldenen Ring
an ihrem
linken
kleinen
Finger
auch
an ihrem
rechten
dieser
fasst einen
tiefschwarzen
quadratischen
Stein

gerade
antwortete
sie ihrem jüngeren
Begleiter
auf die Frage
hin
ob sie
ein Taschentuch
habe

ich weiß nicht
hier ist so viel
so viel zu viel
in dieser großen Tasche
auch mein
Stofftaschentuch

sie lächelt
leicht verbissen
mit ihren
altrosa
Lippen

spricht
in zartem
leisen
österreichischen
Aktzent

sie scheint
wie geschrieben
als hätte
ein Autor
sie geboren
jedes Detail
ihrer
Erscheinung
vollkommen

und doch
sitzt sie
hier
mir
gegenüber
in einer
Arztpraxis

vielleicht ist es
ein Teil
ihrer Geschichte

vielleicht
sind
wir beide
teil
des selben
Buches

The Picture

I had this
perfect
little
picture

of
how
my future
would
look like

i tried
tried
so hard
to hold it
up
keep it
alive
in
my mind

it was
a burden
on my
oh so
brittle
shoulders

i held it
up
for weeks
but finaly
lost
control

as
my
oh so
brittle shoulders
broke

it fell
to the ground
and
shattered
right in front
of
my eyes

and then
a wave
appeared

it overran
everything
i had
ever
imagined
all my hopes
all my dreams

i am
drowning

Täter, Schuld, Scham

Ein Text über sexualisierte Gewalt.

Dieser Text fällt mir schwer, sehr schwer. Jedes Wort tut mir weh und doch ist es mir so wichtig diesen Text zu schreiben, in die Welt zu tragen. Er ist mein nachträglicher Schrei, der Schrei, der mir damals verwehrt wurde zu schreien.

Ich habe einmal ein Gedicht geschrieben, es heißt «Das Wort» und es geht um sexualisierte Gewalt. Um preziser zu sein: es geht um den Übergriff, den ich erlebt habe. Wie ich gestern durch Zufall erfuhr, könnte ich in meinem Fall sogar von Vergewaltigung sprechen, ich weiß aber nicht wie das rechtlich bei meinem Fall aussieht. Was ich weiß ist, als ich gestern die Wortdefinition von «Vergewaltigung» las, hat mich das erschüttert. Einerseits weil ich dachte, verdammt, das trifft auf mich zu, andererseits weil das Wort Vergewaltigung auch als Wort mit seinem Klang und allem was an ihm hängt, für mich passender klingt als Übergriff. Aber das am Rande.

Ich habe danach sehr lange nachgedacht, mich wieder einmal gefragt, ob ich die Person, die mir das angetan hat, anzeigen sollte. Ich weiß es nicht. Ich weiß, ich hätte wahrscheinlich wenig Chance. Es geht mir nicht einmal um Schadensersatz, denn kein Geld der Welt kann reparieren was alles in mir kaputt ist.

Über das, was mir passiert ist zu schreiben, gibt mir Kraft. Es vorzutragen, mit anderen zu teilen, sie darauf aufmerksam zu machen, noch mehr. Aber auf was möchte ich denn überhaupt aufmerksam machen? Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass mein Täter niemand fremdes war, der aus einem Busch gesprungen kam, sondern eine Person war, der ich vertraute. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass auch ich, wie so viele Frauen, mir selbst die Schuld gegeben habe. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass ich mich schämte, furchtbar schämte für das, was mir angetan wurde, als es nach langem verdrängen hochkam. Ich schämte mich, wie all die anderen, mit denen ich über ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt sprach.

Es gibt keine weibliche Person in meinem nahen Umfeld, die in ihrem Leben keine Gewalterfahrung dieser Art gemacht hat. Und die Täter waren immer Menschen, denen sie vertrauten. Jedes einzelne Mal.

Dieser Text, alle meine Texte zu diesem Thema, sind dafür da zu zeigen, das du nicht alleine bist, wenn du sexualisierte Gewalt erlebt hast. Sie sind dafür da zu zeigen, dass es immernoch geschieht, tagtäglich, trotz #MeToo, trotz #Aufschrei und was es mit denen macht, die solche Gewalt erfahren haben. Nur weil heute nicht mehr täglich ein Artikel zu diesem Thema in der Zeitung erscheint, oder #MeToo in den sozialen Medien ganz oben steht, heißt es nicht, das das Thema nicht noch immer hochaktuell und enorm wichtig für uns alle ist. Denn das ist es, und jeder der etwas anderes behauptet, geht mit verschlossenen Augen durch diese Welt.

Jeder der Täter in Schutz nimmt, verteidigt, «reden will», Begründungen für Taten sucht, versucht «die andere Seite» zu beleuchten, ist Teil des Problems. Denn wir haben ein Problem und es ist riesig, größer als wir alle überhaupt fassen können. Wir müssen anfangen zu reden, aufhören uns zu schämen, heraustreten und losschreien. Offen legen, was wir vergraben haben. Meine Stimme, ist nur eine, eine von vielen. Ich weiß, wenn ich nur laut genug schreie, wird mensch mich hören. Es liegt an uns, jetzt, heute, diese Gesellschaft, diese Welt zu verändern.

Bunte Luftballons

Ich sehe sie
in grauen
zarten
Schleierwolken
meine Worte

wie
bunte Luftballons
im Regen
fange ich sie ein

binde sie
zusammen
mit zarten
Schnüren

und
lasse sie
wieder
fortfliegen

sie schweben
dorthin
wo ich
nicht sein kann
bis
in die Unendlichkeit
in den
Weltraum

weit
weit
weg
von uns

niemand
kann
sie mir
nehmen

meine Worte
meine bunten Luftballons
meine Waffe
meine Hoffnung
mein ein
und
alles

Existenz

Ich habe mich
verloren
in meinen Gedanken

jeden Tag
sehe ich
mir
alte Bilder
an

Bilder
aus einer
anderen Zeit
viele Jahre
vor dir

ich tauche ein
in die
Erinnerung
die heute
so heil
und makellos
erscheint

sie wird
nicht
wiederkehren

ich flüchte
in sie
hinein
vergrabe mich
verschanze mich
weigere mich
sie jemals
loszulassen

diese Zeit
obwohl sie
lange schon
vergangen
ist
hält mich
am Leben

damals
als du
noch nicht
in meinem Leben
warst

für mich
existiertest du
nicht

heute
verfolgst du mich
wohin
ich auch gehe

du hast
mich verändert

du hast
mir Gewalt
angetan

gestern
wünschte ich
ich wär
nicht mehr

heute
suche ich
verzweifelt
nach Hoffnung
in der
Vergangenheit
in diesem lange schon
ausgeträumten Traum

sie ist alles
was mir bleibt

unberührt
von dir

morgen
kämpfe ich
weiter
gegen
dich
in
meinem Kopf

ich hoffe
jeden Tag
dich eines
Tages
vergessen
zu können