Zwischenraum

Zwischen
Baum Achtzehn
und Baum Neunzehn
am Spreekanal

weht ein Wind

Seifenblasen
aus der ferne
treiben umher

die Schatten
grauer Menschen
an einer weißen Wand

zeichnen Bilder
längst vergessener
Zeiten

und die Seifenblasen
platzen
im plötzlichen Regen

Als die Vögel fielen

Alle sind gefallen

alle Vögel
sind vom Himmel
gefallen

später rauschten
die Sterne
auf die Erde

und setzten uns in Brand

der Mond
und die Sonne
trafen sich
im schwarzen Nichts

und die Zeit
war nicht mehr

denn es gab
niemanden
in all dem Staub
der sie hätte
messen können

Alles ist tot

Der Saal war voll
die Sessel bequem
der Film spannend
die Menschen flüsterten
der Mann neben mir
weinte

und ich spürte
nichts

das Restaurant war leer
die Stühle hart
das Essen gut
die Menschen betrunken
die Frau neben mir
lachte

und ich spürte
nichts

die Geschichte
nimmt kein
Ende

der Witz
hat keine Pointe

denn alles ist nichts
und unsere Träume sind tot

Traum und ein a

Es fängt den Staub ein
Motten umringen es
die Lampe ist aus

Traum
und ein a

kein Raum
kein Traum
nur ein a

an der einsamen Straße
es wandert umher
ziellos
durch weißen Nebel
in der Dämmerung

dann bleibt es
liegen
mitten auf der Straße
es kann sich
nicht mehr bewegen

Traum
und ein a

kein Raum
kein Traum
nur ein a

Trauma

Meine Zerstörerin

Meine Zerstörerin

ich bete dich an
ich will dich nah
grab deine Hände
in mich ein

nimm meine Seele
tanz mit mir
küss mich
halt mich fest
bis die Sonne
hinter den Häusern
versinkt

ich will dich begraben
aber du
wachst immer
wieder auf
erstickst nicht
wie ich
an der Zeit

die so langsam
vergeht

damals war es anders

du hast mich gerettet
aus meiner Welt
du hast mich zerschlagen
ich finde
meine Bruchstücke
bis heute nicht

eins
zwei
drei

ich liebte dich
ich liebe dich

wo bist du hin
was ist geschehen

dein Haus
am Ende
der Stadt

ich finde
den Weg nicht mehr
Trümmer
liegen überall
ein Abgrund
vor mir

ich kann nicht
zurückgehen
ich kann nicht
abschließen

ich weiß nicht
wohin

meine Zerstörerin

Raum aus Glas

Die Leere
stimmt mich
stumm

sie umhüllt mich
sie umfasst mich
kreist mich ein
hält mich fest
umschlingende
Umarmung

ein Nichts
eine Stille
ein stummer Schrei
aus einem
toten Körper

ein Raum
aus Glas
ich schau hinaus
ich sehe dich
und spüre nicht

nichts

schweres Atmen
ist mein Herz noch da
funktionieren
meine Lungen noch

durch meine Augen
sehe ich keine Farben

sie wurden
von der Leere

verschluckt

Nie wieder

Dieses Gedicht habe ich geschrieben, nachdem ich von der neuen Aktion des «Zentrums für politische Schönheit» las.

Nie wieder
auf unseren Rücken
nie wieder
diese Grausamkeit

wenn ihr
an meine
an unsere Vorfahren
erinnern wollt
die ermordet wurden
mit kalter Hand
dann zollt uns
Respekt
achtet
unsere Traditionen
unsere Bräuche
unsere Identität

wie könnt ihr
es wagen
die Asche
unserer Familien
auszugraben

schert ihr euch nicht
um uns
um was von uns
noch blieb
um die
die heute noch sind

schämt ihr euch nicht
verdammt nochmal
schämt ihr euch nicht

wie kann mensch
nur so wenig denken
so verblendet handeln

es tut mir weh
wie kann es sein
wie konnte das passieren

nie wieder
werde ich verstummen
nie wieder
lass ich mir
meine Worte verbieten
nein
ich werde nicht
höflich sprechen
nein
ich werde nicht
leise sein

wütend bin ich
wieder einmal
und ich werde
mich nicht beruhigen

Der Tanz

Ich laufe
unter kahlen Bäumen
in buntem Laub
um tiefe Seen
neben mir

es ist nicht
wie es war
es ist nicht
wie es sein sollte
nicht wie gedacht

der Tanz
war schön
ich habe mir die Füße
blutig getanzt

ich würde gern
nicht zum ersten mal
die Tanzfläche
verlassen

in den Garten gehen
mich ins Gras legen
wie damals
die Sterne sehen

doch ich muss
weiter tanzen
weiter
immer weiter

du musst
ich muss
was wird sonst aus uns

weiter tanzen
über die Baumkronen
und zu den Sternen

hinweg
hinfort

bis über das Ende
der Welt
hinaus

Es ist lange her

Manchmal denke ich
Nachts an dich
du weißt es nicht

vielleicht denkst du
auch an mich
ich weiß es nicht

siehst du die Sterne
über dem See
siehst du den Mond
sein Gesicht
in der Stille
reflektiert
im kühlen Wasser

wir sind
seit vielen Stunden
hier

wir sahen
die Sonne wandern
und die Wolken ziehen
die Wärme verschwinden
und die Kälte schleichen

manchmal denke ich
Nachts an dich
du weißt es nicht

vielleicht denkst du
auch an mich
ich weiß es nicht

es ist lange her
oder nicht
wer weiß das schon

Weißer Raum

Der Fuchs
in Wäldern
so dunkel
so tief
niemand hat ihn je gesehen

durch meine Finger
vor meinem Gesicht
sehe ich Brüche
der Welt
die mich umgibt

ich bin weit
ganz weit
unterm Meeresspiegel
kein Lichtstrahl
erreicht mich hier

du strahlst mich an
mein Stern
wo bist du

der Fuchs
in Wäldern
so dunkel
so tief
niemand hat ihn je gesehen

ich traf ihn
in dunkelster Nacht
unterm Sternenhimmel
am weißen Strand

er sprang
mir an die Kehle
und versank mit mir
im Meer

als ich verblutete
erschoss ihn ein Jäger

glatte Kugel
mitten ins Herz

seine Augen wurden weiß
meine waren schwarz

wir waren der Himmel
das Universum
ein Bruchteil
der Welt

die uns umgab

der Jäger fuhr
mit unseren toten Körpern
unseren lebendigen Seelen
aufs Meer hinaus

und begrub uns
in der Unruhe
in der Ungewissheit
in den wogenden Wellen

hinter dem tiefen Wald
unter den hellen Sternen
zwischen Himmel
und Erde